Timon of Athens

Timon, ein reicher und angesehener Bürger Athens, lädt sich gerne Gäste ein, bewirtet und beschenkt sie reichlich. Als alles Geld verplempert ist, bittet er seine Freunde um Hilfe, wird aber, völlig überraschend, abgewiesen. Bevor er Athen als Misanthrop den Rücken kehrt, gibt Timon den noblen Herren und Damen ein weiteres Bankett, bei dem er der Bagage heiße Luft und Steine serviert. Dann zieht er sich in den Wald zurück und verflucht die Stadt und ihre Bewohner. Bei der Nahrungssuche findet er Gold und damit alle seine Freunde wieder. Von der Nachricht angelockt, suchen diese Timon heim, um sich erneut gut mit ihm zu stellen. Derweil zieht der attische Feldherr Alcibiades aus Rache für ein ungnädiges Senatsurteil gegen Athen. Die Senatoren ersuchen Timon um seine Hilfe, werden aber zynisch abgewiesen. Timon stirbt, während Alcibiades siegreich in die Stadt einzieht.

Die wahrscheinlich 1607 oder 1608 entstandene Tragödie ist eines der am seltensten gespielten Stücke Shakespeares; noch nicht einmal eine Aufführung zu Lebzeiten des Dramatikers ist dokumentiert. Als Quelle hat Shakespeare vor allem Plutarchs Biographien-Sammlung „Lives of the noble Grecians and Romans“ in der englischen Übersetzung von Thomas North gedient; als mögliche weitere Resourcen kommen möglicherweise der Lucian-Dialog „Timon the Misanthrope“ und ein nicht überliefertes anderes Drama zum Timon-Stoff in Frage.

Die zentralen Themen des Werkes, zu nennen sind hier vor allem Freundschaft, Kunst, das Tier im Menschen, Einsamkeit, Opportunismus und die Launenhaftigkeit der Fortuna, werden gleichsam in allegorischer Klarheit präsentiert und entfalten auch in ihrer Einfachheit enorme Modernität. Wenig ausgeformte Figuren und Handlungsstränge, repetitive Szenen und eine ungewöhnlich simple Dramaturgie geben Anlass zu der Vermutung, dass es sich bei dem allein durch die First Folio von 1623 überlieferten Text um einen Rohentwurf handelt. Auch könnte Timon als Hinweis darauf gewertet werden, dass Shakespeare mit neuen Dramenformen für die in Mode gekommenen „private theatres“ experimentierte. Nichts desto weniger wird die zuweilen an Metaphern äußerst reiche Verssprache des Stücks von der Literaturwissenschaft häufig gelobt. Gerade weil Timon of Athens, bisweilen als der kleine Bruder des King Lear bezeichnet, unablässig zwischen Tragödie und Satire oszilliert, bietet es auch heute noch reichlich Ansatzpunkte für eine Bühnenumsetzung.

Englischsprachiges Theater



 

Regie

  • Stephan Schmieding

Cast

  • Timon of Athens – Andree Oehm
  • Apemantus – Rebecca Zündorf
  • Flavius – Ernst Maresch
  • Flaminius – Barbara Müller
  • Poet – Ralph Püttmann
  • Paintress/Servant – Maja Friedrich
  • Lucullus/Servant – Georg Reinartz
  • Lucius/Jeweller – Thomas Lakenberg
  • Alcibiades – Falk Wolf
  • Ventidius/Senator – Beate Linnenkamp
  • Timandra/Senator/Sempronius – Susanne Schroll
  • Caphis/Phrynia – Maike Christians

Production Staff

  • Choreographie – Birthe Schuster
  • Lights – Marcus Becker
  • Sound Production – Andree Oehm
  • Sound – Hendrik Wevers
  • Stage – Maja Friedrich, Anja Petersen, Daniel Seibert, Sandra Kernenbach
  • Stage Manager – Martin Kuhnen
  • Prompts – Kerstin Buck, Melanie Büchel
  • Costumes and Make-up – Rebecca Kroesen, Nicole Stäheli
  • Poster Design – Andree Oehm, Christian Schmieding
  • Photos – Christian Schmieding
  • Programme Layout – Hendrik Wevers, Barbara Müller

 

Presse
Timon auf dem Wohlstandsmüll Von Fritz Herzog (Bonner General-Anzeiger vom 10. Juli 2003)
Von einer Theater-Truppe gilt es zu berichten, die wohl an Intensität im Ausdruck wie an Lebendigkeit ihres Spiels manch besoldetes Ensemble schlicht in den Schatten stellt. Da hatten sich vor elf Jahren eine Reihe theaterbegeisterter Studenten am Englischen Seminar der Bonner Universität mit dem keineswegs nur akademischen Ziel zusammengeschlossen, Shakespeare samt Zeitgenossen in Originalsprache aufzuführen; bislang konnten so pro Jahr jeweils bis zu drei Produktionen realisiert werden. Die eigentliche Überraschung aber besteht darin, dass es sich bei der „Bonn University Shakespeare Company“ nach wie vor ausschließlich um schauspielerische Laien handelt. Davon indes ist auch in der jüngsten Arbeit dieser Theater-Enthusiasten nicht zu spüren. Der grotesken Tragödie „The Life of Timon of Athens“ (Timon von Athen) galt dabei das neuerliche Interesse. Premiere war jetzt in der Beueler Brotfabrik. Das Ergebnis ist brillant. Selbst wer sich nicht mehr auf sichere Englisch-Kenntnisse verlassen kann, wird miterleben können, wie Timon, der reiche Mäzen, in finanzielle Not gerät und, verlassen von all seinen schmarotzenden Freunden, zum Misanthropen wird, um schließlich dem Wahnsinn zu verfallen. Der Stoff ist antiken Ursprungs. Jan Stephan Schmieding hat das hierzulande selten aufgeführte Werk mit sicherem Textverständnis in Szene gesetzt und dabei vollkommen unprätentiös Gegenwartsbezüge hergestellt, die einmal mehr zeigen, wie aktuell man Shakespeare spielen kann, ohne der Vorlage die Gewalt des Regietheaters anzutun. Die dekadente Athener Gesellschaft entspricht der unseren, mit Starkult und Event-Kultur. Folglich landet Timon nach seinem Absturz auch nicht im Wald, sondern auf dem (Wohlstands-)Müll. Diese fast vierhundert Jahre alte Parabel auf Gutgläubigkeit, Narzissmus, Egozentrik und Habgier verfängt noch immer. Bis in die kleinste Nebenrolle hinein strahlen die Akteure Präsenz aus, keine Sekunde herrscht Stillstand. Das Shakespeare-English wird in seiner Mischung aus Blankvers und Prosa von allen virtuos beherrscht, dass es eine Lust ist zuzuhören. Andree Oehm verleiht seinem Timon die tiefe Tragik eines alten „Lear“. Ernst Maresch als anrührend fürsorglichem Flavius und Barbara Müller als sarkastisch kommentierendem Flaminius stehen die anderen kaum nach: Rebecca Zündorf (Apemantus), Falk Wolf (Alcibiades), Ralph Püttmann (Dichter/Diener), Maja Friedrich (Maler/Varro), Thomas Lakenberg (Lucius/Juwelier), Georg Reinartz (Lucullus/Isidore), Susanne Schroll (1. Senator/Timandra/Sempronius), Beate Linnenkamp (2. Senator/Ventidius) und Maike Christians (Caphis/Phrynia). Das Publikum feierte die Premiere stürmisch.

Vom Gönner zum Menschenhasser Von Vera Mercker (Bonner Rundschau vom 12. Juli 2003 )
Beuel. Wer hat sie nicht gern um sich, seine Freunde – witzig, genießend und voll des Lobes für den großzügigen Gastgeber. Freunde, mit denen sich rauschende Feste feiern lassen, vor denen man in Großmut glänzen kann. Doch was passiert, wenn der Strom des Geldes verebbt, wenn die betäubende Droge Überfluss nicht mehr zur Verfügung steht? Die Bonn University Shakespeare Company bringt mit William Shakespeares „Timon von Athen“ nun ein Stück auf die Bühne, das die Mechanismen des Materialismus – Habgier und Heuchelei – schonungslos offen legt. Die selten inszenierte Tragödie mit stark allegorischem Charakter zeichnet die Entwicklung des Atheners Timon vom freigiebigen Gönner zum verbitterten Menschenhasser nach, der verlassen von seinen Freunden schließlich einsam im Wald verendet. Bühnenbild und Kostüme schaffen deutliche Bezüge zur Gegenwart: eine Versammlung von Yuppies zwischen Überresten griechischer Säulen, Alk, Tanz und Sex: eine gähnende Leere der Beziehungslosigkeit, die von pseudophilosophischem Gehabe nur unzureichend getarnt wird. Später, in der zweiten Hälfte, nimmt ein einziger Müllhaufen die Bühne ein, Fundgrube für den Landstreicher Timon. Spritzig, einfallsreich und voller raffinierter Effekte präsentierte sich die Inszenierung (Regie: Jan Stephan Schmieding) besonders in der ersten Hälfte. Die zweite Hälfte verlor etwas an Tempo und Abwechslung, ein Resultat weniger der Regieführung als der Textvorlage, die auf Handlung weitgehend verzichtet und sich ganz auf den Protagonisten und seinen grenzenlosen Hass konzentriert. Neben Andree Oehm als Timon glänzte vor allem Susanne Schroll in ihren Rollen als Sempronius, Timandra und als Senator mit einer unerhörten Facettenvielfalt. Da war nichts doppelt, nichts gewohnt, nichts routiniert. Die Nebenrollen trugen wesentlich zur Überzeugungskraft der Inszenierung bei, stark und glaubhaft besetzt auch mit Georg Reinartz, Thomas Lakenberg, Ralph Püttmann und Maja Friedrich.

Schlechtes Händchen bei der Stückauswahl von Frank Auffenberg (Schnüss vom September 2003)
Shakespeare, allein der Name lässt die meisten Bühnenautoren wohlig erschauern. Eigentlich müssten sie ihn hassen, hat er seinen Nachkommen doch nichts an Stoffen und Themen übrig gelassen. Und doch verharrt man in Ehrfurcht vor dem Klassiker aller Klassiker. Shakespeare wirkt einfach unfehlbar. Ist er aber nicht. Auch der große Übervater aus Stratford hat einige schwarze Momente in seinem Gesamtwerk. Ausgerechnet eines dieser wenig beachteten Stücke nahm die Bonn University Shakespeare Company (BUSC) in Angriff und … verrannte sich. Die Geschichte vom reichen lebensfrohen Athener (Andree Oehm) mit Hang zu ausschweifenden Festlichkeiten und wenig wirtschaftlichem Geschick ist inmitten einer zeitlosen Dekadenz angesiedelt. Bis zur Pause feiert er mit seinen vermeintlichen Freunden was das Zeug hält, verliert Hab und Gut und erkennt, dass seine Kumpane nur Natterngezücht an seiner wohlhabenden Brust sind. Alleinig der feinsinnige Zyniker Apemantus steht ihm zur Seite, vermag das Übel jedoch nicht abzuwenden. Schmieding besetzt geschickt den Apemantus mit der überzeugend unterkühlten Rebecca Zündorf, die zwischendurch leider allzu schwermütig dahingreint. Bis zur Metamorphose vom Philanthropen zum Misanthropen überzeugt die BUSC auf ganzer Linie. Hernach nimmt das Übel seinen Lauf. Timon bezieht, nicht gerade sehr einfallsreich, eine Wohlstandsmüllkippe vor den Toren Athens und kehrt dem Stadtleben endgültig den Rücken zu. Von Monolog zu Monolog verschlechtert sich seine Stimmung. Er findet Gold, seine Freunde dürfen noch einmal an ihm vorbeidefilieren, und schon siecht er vor sich hin, dem Tode entgegen. Gähnende Langeweile macht sich breit. Es kann nicht oft genug gesagt werden, dass der missglückte zweite Teil dieser Inszenierung kaum der BUSC angelastet werden kann. Zu moralisch überladen ist die Vorlage, als dass noch irgendetwas zu retten gewesen wäre. Zu fragen natürlich, wie es ausgerechnet zu dieser Stückauswahl kommen konnte.

Vom Gönner zum Menschenfeind (Neue Ruhr/Rhein Zeitung vom 19. Januar 2004)
THEATER / Die Bonn University Shakespeare Company überzeugte mit Leidenschaft und Tempo in „Timon von Athen“.

Shakespeare genießt man immer noch am besten im Englischen Original – auch wenn man nur einen Teil des Textes verstehen kann. Die Sprachmelodie der Verse ist einfach bezaubernd. Im Fall von „Timon von Athen“ ist es auch nicht weiter schlimm, wenn Sätze unverstanden vorbeirauschen, denn deren Qualität reicht längst nicht an die der Königsdramen heran. Der textlichen Schwäche stehen aber zahlreiche effektvolle Passagen gegenüber, die über die Defizite hinwegtrösten, wenn die Schauspieler so temporeich, voller Spielfreude und Leidenschaft agieren, wie dies die Bonn University Shakespeare Company am Wochenende im Theater an der Ruhr tat.

Für das seit zehn Jahren bestehende Studenten-Theater ist es inzwischen die 19. Shakespeare-Produktion. Wenn sich Timon, von der Menschheit enttäuscht, im zweiten Teil zum zynischen Misanthrop wandelt, sich in Rage redet und im rasanten Tempo alle Menschen mit galligem Spott überschüttet und sie verächtlich verhöhnt, so ist dies schon eine Glanzleistung von Hauptdarsteller Andree Oehm. Mit Gold bewirft er seine ehemaligen Schmeichler, das er in der Einöde in einem Haufen Wohlstandsmüll entdeckt hat, das für ihn aber inzwischen jeden Wert verloren hat.

Da das 1608 geschriebene Stück zu Lebzeiten des Dramatikers nie aufgeführt wurde und auch konzeptionelle Schwächen aufweist, gehen Experten davon aus, dass selbst dem Meister an dem Stoff die Lust vergangen war. Regisseur Jan Stephan Schmieding, der vor zwei Jahren als Hospitant am Theater an der Ruhr arbeitete und den Kontakt zum Haus aufrecht hielt, hat die langatmigen Hasstiraden kräftig gestrafft und behutsam versucht, aktuelle Bezüge herzustellen. Die Schauspieler tragen zeitgenössische Abendgarderobe. Wir sehen eine dekadente Gesellschaft, die hemmungslos prasst und Orgien feiert und sich wie in einer Fernsehshow selbst gefällt. Schmarotzer und Schmeichler umwerben Timon, der die Scheinheiligkeit nicht durchschaut und sie großzügig finanziert. Alle Warnungen ignoriert er. Erst als er selbst Hilfe braucht, erkennt er, dass er einsam ist.

Mit den beiden Aufführungen, von denen eine ausverkauft war, ging eine dreiteilige Veranstaltungsreihe zu Ende, mit der das Theater an der Ruhr sich Theater spielenden Studenten in der Region öffnen will. Insbesondere sei dies der Ausgangspunkt für eine verstärkte Zusammenarbeit mit der Universität Duisburg-Essen, so Theaterpädagoge Bernhard Deutsch. Große Resonanz fand auch das Gastspiel des Bochumer Lurch-Theaters mit „Rinderwahnsinn“ von John von Düffel. Außerdem hatten Studenten an einem Tag die Möglichkeit, am Theater eine Szene zu proben. (stt)